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Alltag

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Schweden und Deutschland sind in ihrer Geschichte, ihrer Kultur und ihrem Lebensgefühl in vielfältiger Hinsicht engstens verbunden. Dennoch gibt es einige interessante Unterschiede, die hier dargestellt werden sollen -- selbstverständlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

### Mündliche Kommunikation und Umgangsformen ###
(entnommen aus meinem Papier 'Sach- und Geschäftskommunikation im Schwedischen – Kapitel 5: Eigenheiten mündlicher Kommunikation und Umgangsformen')

Eines von mehreren gängigen Klischees bzw. Stereotypen vom Deutschen in Schweden ist, dass er eher laut ist und eher dominant auftritt. Es gibt einige innerschwedisch gebrauchte Ausdrücke, die sich um Arroganz und Besserwisserei drehen und die mit voller Absicht nicht eingeschwedischt wurden, weil sie so noch schärfer klingen und ihre kritisierende Wirkung besser entfalten. Das sind die Substantive besserwisser und messerschmitt und die Phrase von oben.
Natürlich gibt es nicht 'den Deutschen', es sei nur erinnert an die verschiedensten innerdeutschen Befindlichkeiten zwischen Süd- und Norddeutschen, zwischen Ost- und Westdeutschen etc. etc. .
Was jedoch im Kern dieses Klischees steckt, ist die Tatsache, dass Deutsche im Vergleich zu Schweden tendenziell direkter sind in ihrer Kommunikation.
Zwei Deutsche, die in einem schwedischen Kontext auf typisch deutsche Weise einfach eine lebhaft angeregte Sachdiskussion führen, können bei schwedischen Betrachtern den Eindruck erwecken, dass sie einen schweren und ernsten Streit haben.
Wenn ein Deutscher mit dieser ihm eigenen Direktheit einem Schweden gegenübertritt, dann kann das von diesem als Polterei und Dominanzgebaren interpretiert werden.
Es lohnt sich also, sich diesbezüglich etwas zurückzunehmen.
Ganz wichtig ist, den anderen ausreden zu lassen. Nicht unterbrechen! Wer fürchtet, dann nicht zu Wort zu kommen, befürchtet das zu Unrecht. Hierzulande (in Deutschland also) ist es nicht unüblich, so lange zu reden, bis man verbal oder nonverbal unterbrochen wird. In Schweden ist das tendenziell anders. Man sagt das, was man zu sagen hat, nicht mehr. Aufgeregtes und mehrfach redundantes Palaver ist der schwedischen Mentalität eher fremd.
Entscheidungsprozesse können in Schweden deutlich länger dauern als in Deutschland. Hierzulande wird entweder gar nicht diskutiert (sondern gleich vom Chef festgelegt) oder nur eine eng begrenzte Zeit lang. Nach Ablauf dieser Zeit wird dann eine Entscheidung getroffen, mag es nun Konsens geben oder auch nicht.
In Schweden wird grundsätzlich der Konsens angestrebt! Darauf muss man sich als Deutscher einstellen, sowohl kommunikativ als auch vom inneren Zeitempfinden her.
Stichwort Zeitempfinden: Es mag trivial klingen, aber Kaffeepausen sind sehr wichtig für die gesamte Arbeits- und Teamdynamik . Sie sollten nicht hinterfragt werden, auch wenn sie u.U. mit deutschem Effizienzempfinden kollidieren.
Hierarchien in Schweden sind wesentlich flacher. Man kommt schneller an Leute heran, sowohl innerbetrieblich als auch gesellschaftlich. Das bezieht sich jedoch nur auf Dienst- und Geschäftskontakte. Privatkontakte sind ein anderes Thema.
Understatement ist wichtig! Während es in anderen Kulturkreisen üblich ist, auf erbrachte Leistungen stolz zu sein und das zu zeigen, sollte man damit in Schweden vorsichtig sein und einen individuellen Erfolg eher herunterspielen oder wenigstens pro forma irgendein Detail an seiner eigenen Leistung finden, an dem man herummäkelt – wenn man gelobt wird.

### Personnummer ###
Die schwedische personnummer spielt im Alltag ein sehr wichtige Rolle. Wann auch immer man sich zu identifizieren hat, läuft das über die Angabe der personnummer -- bei sämtlichen Behördenvorgängen sowie allen Arten von Geschäften und Vertragsabschlüssen, natürlich auch im Internet. Hat man eine personnummer, geht alles schnell und geschmeidig. Hat man keine, geht alles sehr viel schwieriger und aufwändiger.
Die personnummer erwirbt man per Geburt oder bei der Einbürgerung. Steuerpflichtige Nichtschweden, bspw. Arbeitnehmer oder Grundstücksbesitzer, können eine samordningsnummer bekommen, die den gleichen Zweck erfüllt wie die personnummer.

### Die Rundumversorgung durch den Staat, das 'Volksheim'###
Mitunter wurden Grad und Umfang dieser Rundumversorgung als beinahe sozialistisch bezeichnet. Inwiefern diese Bezeichnung jemals zugetroffen hat, dürfte, wie so manches andere, eine Frage der Perspektive und des politischen Standpunktes sein. Tatsache ist, dass Grad und Umfang der staatlichen Rundumversorgung weit über alles hinausgingen und teilweise noch -gehen, was in irgendeinem anderen westlichen Industrieland jemals geleistet wurde.
Sicherheit, Geborgenheit, Wohlfahrt für alle -- dieses sozialdemokratische Gesellschaftsmodell des 'Volksheims' (schwed. folkhem) war derart überzeugend, dass jahrzehntelang keine bürgerlich-konservative-marktliberale Partei eine Chance hatte. Mehr noch -- das schwedische Gesellschaftsmodell galt weltweit als vorbildlich.
Eine solche Rundumversorgung kostet eine Menge Geld und war möglich, weil Schweden nach dem II. WK einige wirtschaftlich goldene Jahrzehnte erlebte. Diese goldenen Zeiten sind vorbei und der ehemals aufgebaute sehr hohe Standard lässt sich schwerlich halten. Eine Ausdünnung, Aushöhlung bzw. ein Abbau verschiedenster sozialer Errungenschaften und Leistungen ist die Folge.
Ganz abgesehen von Art und Umfang sozialer Leistungen sind einige typische Alltagsstrukturen und -phänomene eine klare Folge des folkhem-Gedankens.
Drei Beispiele:
# Es gibt nicht zig Krankenkassen wie bspw. in Deutschland, es gibt eine Krankenkasse für alle.
# Jeder Bürger hat das Recht, über das Einkommen bzw. Vermögen aller anderen Bürger informiert zu werden, und zwar ganz detailiert und genau aufgeschlüsselt nach Erwerbsarbeit, Aktien, Grund und Boden etc. . Zu diesem Zweck gibt der Staat entsprechende Kataloge heraus, in dem jeder steht, dessen Einkommen über das Sozialhilfeniveau hinausgeht. Sowas wäre in den meisten anderen Ländern völlig undenkbar und nicht vereinbar mit allgemeinem Datenschutz und der besonderen Diskretion bei Einkommens- und Vermögensangelegenheiten. Für die Schweden ist es ganz normal und einfach ihr Verständnis des Öffentlichkeits- und Transparenzprinzips.
# Sämtliche Einkünfte jedes Bürgers werden direkt ans Finanzamt gemeldet, und zwar nicht nur vom Arbeitgeber, sondern auch von den Banken und Versicherungen. Das Finanzamt schickt den Bürgern dann eine fertig ausgefüllte Steuererklärung zu, die von diesen ggf. ergänzt und dann bestätigt wird. Diese Bestätigung kann auch online oder per SMS erfolgen.
Während also andernorts ganze Wälder für Steuerschriftverkehr etc. gerodet werden und ganze Armeen von Steuerberatern ihr gutes Auskommen finden, ist die Steuererklärung für den Durchschnittsschweden mit einer SMS erledigt.



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